DIE ZEIT 21/ 2004
13. Mai 2004

Keine Zugabe

Der Dirigent Daniel Barenboim reiste mit einer musikalischen Vision nach Ramallah und Jerusalem – und provozierte einen politischen Skandal

Von Emanuel Eckardt


Er kam wie ein Sturm und wirbelte viel Staub auf. Er spielte Beethoven und dirigierte ein Jugendorchester, er gab eine Pressekonferenz und Klavierstunden für Kinder. Er hat Menschen beglückt und zur Weißglut getrieben, Hoffnung und Zorn hinterlassen. Daniel Barenboim brauchte dafür vier Tage, vier Tage zwischen Ramallah und Jerusalem.

In Ramallah hatte der Dirigent gesagt: "Als Musiker kämpfe ich gegen zwei Dinge: gegen zu viel Lärm und gegen die Stille. Lärm, das sind für mich Panzer, Bomben und die täglichen Gewaltandrohungen auf beiden Seiten. Stille ist das Schweigen der Mehrheit."

Vier Tage später, im israelischen Parlament, wo er den Wolf-Preis entgegennahm, wird er noch deutlicher. Er zitiert die israelische Unabhängigkeitserklärung von 1948. "Der Staat Israel wird sich der Entwicklung dieses Landes zum Wohle aller seiner Menschen widmen. Er wird gegründet sein auf den Prinzipien von Freiheit, Gerechtigkeit und dem Wohl aller seiner Menschen, geleitet von den Visionen der Propheten Israels. Er wird allen seinen Bürgern ohne Ansehen der Unterschiede ihres Glaubens, ihrer Rasse oder ihres Geschlechts die gleichen sozialen und politischen Rechte garantieren."

Barenboim beruft sich auf die Gründerväter des Staates Israel, die sich verpflichteten, Frieden und gute Beziehungen mit allen Nachbarstaaten und -völkern anzustreben, und schließt mit den Satz: "Kann das jüdische Volk sich erlauben, so gleichgültig gegenüber den Rechten und Leiden eines Nachbarvolkes zu sein?"

Der Saal ist in Aufruhr. Die Erziehungsministerin Limor Livnat beschwert sich darüber, dass "Herr Barenboim dies Podium benutzt, Israel anzugreifen." Das Jurymitglied Menahem Alexenberg hält ein Papier mit dem Schriftzug "Musik macht frei" empor, eine giftige Anspielung auf das "Arbeit macht frei" über dem Tor von Auschwitz. Der Staatspräsident Moshe Katzav erklärt, Barenboim verdiene wegen der "unpassenden" Rede eine Verurteilung.

Mit Geige durch den Kugelhagel

Schon scheint vergessen, dass Barenboim mit einer Botschaft der Versöhnung nach Israel gekommen war, mit der Vision, "dass dieser Wahnsinn eines Tages beendet sein wird, dass in Palästina zwei Staaten in Freiheit und Gleichheit in friedlicher Nachbarschaft existieren und dass dieses Land eine der fruchtbarsten Regionen der Welt sein wird, die Brücke zwischen Europa und Asien". Das Preisgeld von 100 000 Dollar will er für musikalische Erziehungsprojekte in Israel und Ramallah spenden.

Daniel Barenboim, 61, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und Chef des Chicago Philharmonic Orchestra, Ausnahme-Pianist, Sprachgenie, engagierter Humanist. In Buenos Aires als Kind russisch-jüdischer Eltern geboren. Mit zwölf lud ihn Wilhelm Furtwängler ein, in Berlin zu konzertieren. Aber der Vater fand, es sei noch zu früh für ein jüdisches Kind, neun Jahre nach dem Ende des Holocaust in Berlin aufzutreten. Die Familie lebte inzwischen in Israel.

In Israel wurde das Wunderkind zum Enfant terrible, als er im Sommer 2001, als Zugabe eines Konzerts beim Jerusalem Festival, Musik aus Richard Wagners Tristan und Isolde dirigierte. Der Kulturausschuss des israelischen Parlaments erklärte Barenboim daraufhin zur Persona non grata in Israel. Er bekam Hausverbot in der Knesset, was insofern delikat war, weil ihm dort schon im vorigen Jahr der Wolf-Preis verliehen werden sollte, der nur an herausragende Wissenschaftler und Künstler vom israelischen Staatspräsidenten vergeben wird.

Die Friends Boys School in Ramallah ist eine grüne Insel im Gewühl der Stadt. Ein Meer von Blüten bedeckt die Fassade, Vögel zwitschern, es ist ein Ort des Friedens. Kaum vorstellbar, dass im Nachbarhaus, einer Polizeiwache, zwei israelische Soldaten gelyncht wurden. Anderthalb Jahre ist es her. Die Bilder der blutigen Hände am Fenster gingen um die Welt. Immer wieder schlugen Raketen in die Polizeiwache ein, eine traf die Friends Boy School und zerstörte sechs Klassenräume.

Probe am Nachmittag. Es ist das erste Mal, dass Daniel Barenboim seinem Orchester begegnet, ein historischer Moment. Zum ersten Mal seit 1936 gibt es ein Orchester in Palästina, ein Jugendorchester. Ein Notenblatt fällt der jungen Cellistin zu Boden. Der Maestro bückt sich, hebt es auf, ohne den Redefluss zu unterbrechen, legt es auf das Pult und zeigt ihr, wie sie den Bogen führen muss. "Es ist unglaublich, wie weit Sie sind", sagt er.

Wie konnte das gelingen? Im Oktober kam die Deutsche Anna-Sophie Brüning, 31, Geigerin und Dirigentin mit frischem Examen. Ramallah war ihr erster Job. Und was für einer: ein Orchester aufbauen aus dem Nichts, in einer fremden Kultur, mit Kindern, die gewohnt sind, einen Stoff nachzubeten, statt frei damit umzugehen. Es gab einige Schüler am Konservatorium, aber "die Ausbildung war sehr brüchig", sagt die Dirigentin diplomatisch.

Schon bald meldeten sich viel mehr Schüler, als sie aufnehmen konnte. Kollegen aus Deutschland kamen dazu. Einen Vertrag hatten sie nicht, nur das Wort Barenboims und die Freude an den Kindern. "Sie sind superbegabt", sagt der Trompeter Christoph Dürr, "und wahnsinnig motiviert. Sie reißen einem das Instrument förmlich aus den Händen und sind todunglücklich, wenn eine Probe zu Ende ist." Stolz erzählen die musikalischen Aufbauhelfer vom hyperaktiven Geiger, den sie an die Pauke ließen, um die Geige zu retten. Nun ist er der King. Oder von der hoch begabten Cellistin, die vor vier Wochen noch ziemlich schlecht Geige spielte.

Von dreißig jungen Musikern kommen vier aus Bethlehem. Wenn sie kommen. Die Stadt liegt zwar nur wenige Kilometer entfernt, doch die Straße ist für Palästinenser gesperrt, die Reise dauert sechs Stunden. Checkpoints und Kontrollen machen es schwer, pünktlich zu den Proben zu erscheinen. Einmal war das Haus umstellt. Draußen wurde geschossen. "Die Kinder nehmen es total cool. Sie sind so aufgewachsen", aber für die junge Musikerin aus Deutschland war es ein Schockerlebnis.

Palästina im Mai 2004. Orte sind abgeschnitten; der Sperrzaun frisst sich im Zickzackkurs durch die israelisch besetzten Gebiete, teilweise als Mauer, neun Meter hoch, ein Monstrum. Der künftige Staat Palästina nimmt groteske Formen an, besteht aus Inseln im Meer aus weißem Staub, die Nablus oder Jenin heißen. Dazwischen Festungen der israelischen Siedlungen, zu denen perfekte Asphaltstraßen führen, auf denen niemand seines Lebens sicher ist.

Freitagmorgen in Ramallah. Die heimliche Hauptstadt Palästinas ist voller Zeichen des Zorns, Plakate zeigen die von Israel liquidierten Führer der Intifada mit Maschinenpistolen in der Hand. Aber unübersehbar ist auch der Glanz schwerer Limousinen und teurer Offroad-Mobile. In Ramallah lebt die Elite des Landes, fließt ein steter Strom von Dollar aus den Quellen vieler Hilfsorganisationen.

Die Stadt ist ruhig, Läden und Basare sind geschlossen. Nur an der Friends Boy School stauen sich Fahrzeuge. Barenboim gibt einen Workshop für den palästinensischen Nachwuchs am Klavier, öffentlich, alle sollen es sehen. Auch dies ist ein Symbol. Die Musiker, Kinder noch, von Kameras umstellt, die Weltpresse richtet ihren scharfen Blick auf einen intimen Moment: Die 16-jährige Celine Khoury spielt Claire de Lune, musikalisches Mondlicht von Debussy; sie spielt es innig, empfindsam. Der Weltstar sitzt neben ihr, blättert um. Und um sie herum zwitschern Mobiltelefone, zersägt schnarrende Kameratechnik das feine Gewebe der Tonfolgen.

Der Maestro macht dem Spuk ein Ende. Die Fotografen müssen die Bühne verlassen. Dafür kommen neue Pianisten, die Hoffnungen Palästinas, und erfahren, wie der Fluss der Energie in die Fingerspitzen gelangt und dass Pianisten niemals mit zwei Händen spielen, sondern immer mit zehn Fingern. Zwei Hände braucht man für Messer und Gabel.

Ein Mädchenchor der Flüchtlinge

Am Abend erlebt die feine Gesellschaft von Ramallah Daniel Barenboim, den Pianisten, lauscht Beethoven-Sonaten, fremde Klänge für viele. Applaus nach jedem Satz. Und dann beginnt das Palästinensische Jugendorchester in Gründung sein erstes Konzert, spielen dreißig junge Musiker fetzige Motive aus Carmen und einen slawischen Tanz von Dvořák. Ach ja, es klappert hier und da, man spielt gemeinsam, aber nicht immer zusammen. Doch es zählt nur, dass dieses Orchester überhaupt existiert. Das ist die Sensation, das Symbol, das der Dirigent in die Welt setzen wollte. Überschäumender Applaus, Tränen der Freude.

Das Projekt weckt Hoffnungen. Ein neuer Konzertsaal soll im Herbst eröffnet werden, ein Kindergarten für musikalische Früherziehung ist geplant, einen Mädchenchor gibt es schon, rekrutiert aus begeisterten Anwärterinnen des nahen Flüchtlingslagers. So fällt auch etwas Licht auf die Armen.

Am Sabbat leuchten Freudenfeuer überall in Israel, die Tradition des Lag Ba’omer, die unter anderem an den Aufstand gegen die Römer erinnert. Barenboim gibt in Jerusalem ein Konzert, spielt Beethoven. Als der letzte Ton verklungen ist, klappt er den Flügels zu, schiebt den Hocker unter das Instrument und bedankt sich mit einer Verbeugung für den Applaus. – Diesmal hier keine Zugabe.

Am Tag darauf kommt es zu dem Skandal in der Knesset. Es scheint aber nur so, als sei Barenboims Versöhnungsprojekt in Israel gescheitert. Denn die Zeitungen drucken Passagen aus der zitierten Unabhängigkeitserklärung Israels. Die scharfen Worte des Dirigenten wirken nach. Er ist nicht nur ein weltberühmter Dirigent, sondern auch ein Meister der Provokation. Vier Tage zwischen Ramallah und Jerusalem. Vier Tage Hoffnung und Zorn.


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