Musik als Weg zum Verständnis der Welt
Von Adrienne Goehler
Genau vor einem halben Jahrhundert begann Daniel Barenboim, zwölfjährig, mit Plattenaufnahmen seiner Klavierkonzerte von Beethoven, Brahms und Mozart. Wenig später gab er sein Dirigierdebüt und leitete in den folgenden Jahren alle bedeutenden Orchester der Welt an ebenso vielen bedeutenden Orten der Musik. Die Liste seiner eigenen Veröffentlichungen in Klang und Wort ist gewaltig, die der Publikationen über ihn immens, die Zahl der ihm verliehenen Musikpreise schwer zu steigern. Unter den jüngsten Ehrungen gelten viele seiner friedenpolitischen Setzung im Nahen Osten und seiner beharrlich vorgetragenen Forderung nach – in Worten Alexander von Humboldts – "Weltbewusstsein".
Daniel Barenboim löst – gleich ob es um Musik, musikalische Erziehung oder Politik geht – die gegensätzlichsten, aber immer starke, Affekte aus. Freunde wie Feindselige reagieren darauf, dass er das, was er sagt im ganz umfassenden Sinn auch verkörpert. Immer geht es um Öffnung: von Werken, von Verständnis, Interpretationen und von vorherrschenden Meinungen. Das irritiert bisweilen in einer Mediengesellschaft, die das Wort vor allem in Form von abgesicherten Verlautbarungen konsumiert. Dem setzt Barenboim Erkenntnis entgegen: "Man muss den Mut haben, die Unbeständigkeit all dessen zu akzeptieren,das sich in der Entwicklung befindet. Jede Entwicklung, jeder Abschied heißt, dass man etwas hinter sich lässt". (Daniel Barenboim)
Gemeinsamkeit aus goetheschem Geist
Mit dem inzwischen verstorbenen palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said verband Daniel Barenboim eine große Freundschaft, die in einem Jahrzehnte umspannenden Dialog Durchlässigkeiten und Übergänge zwischen den Künsten, Gesellschaft und Politik aufspürte, einforderte. Wer ihr berührendes gemeinsames Buch liest, dringt ein in die universelle Sprache der Musik und Literatur. Er erfährt etwas von der Wirkkraft der Künste, die sich mit dem Gesellschaftlichen zu verbinden suchen – gegen die Regierungspolitiken im Nahen Osten, die auf der Illusion von Stärke und Sieg durch Waffengewalt basieren.
Als sicht- und hörbaren Ausdruck ihres Denkens riefen sie 1997 den Workshop "West-östlicher Diwan" ins Leben, der seither jeden Sommer israelische und arabische Jugendliche zu einem gemeinsamen Orchester und zu gemeinsamen Gesprächen über das sie Trennende und Verbindende zusammenbringt. Seinen Ursprung nahm das Projekt in Weimar und in dem Goetheschen Gedanken, Kunst sei immer die Reise zum "Anderen" und keine bloße Selbstbespiegelung. Öffentlich ermutigt wurde diese Initiative durch den "Prince of Asturias Award for Concord" der 2002 an Barenboim und Said verliehen wurde; er legte den Grundstein für die "Barenboim-Said-Stiftung". Sie bewirkte inzwischen den Aufbau eines palästinenschen Jugendorchesters durch ein junges, hochambitioniertes Team von Musikerinen und Musikern aus Deutschland und Österreich. Sie lehren außerdem am palästinensischen Konservatorium, ermöglichen die Existenz eines Musikzweigs an der Jungenschule der Quäker und bauen an der Mädchenschule der Vereinten Nationen in Ramallah einen Chor mit Flüchtlingskindern auf. Weitere Projekte sind in Planung: ein musikorientierter Kindergarten mit Fortbildung für einheimische Kindergärtner und Musiklehrerinnen, sowie, zusammen mit einem "Mental Health Center", die Entwicklung musiktherapeutischer Konzepte für traumatisierte Kinder in Gaza und Ramallah.
The Healing Power of Music – Echo in Ramallah
Nein, ihr fehle nichts, ganz im Gegenteil; sie sei nur so froh, nein, mehr: so glücklich wie noch nie hier, sagt die Engländerin die in einer Nichtregierungsorganisation (NGO) arbeitet und noch eine halbe Stunde nach dem Konzert von Jugendlichen in der "Friends Boys School“ in Ramallah nicht aufhören konnte zu weinen. In den drei Jahren, die sie hier in der Region täglich die entwürdigende Situation am Checkpoint zwischen Jerusalem und dem palästinensischen Ramallah bewältige, habe sie in ganz Palästina keine vergleichbar positive Energie, Lust und Willen gespürt wie die der 30 jungen MusikerInnen, die vor berstend vollem Saal und unter tosendem Applaus zwei Stücke von Bizet und Dvořák spielten.
Sie hatte zuvor schon gehört von der jungen deutschen Geigerin und
Dirigentin Anna-Sophie Brüning, die im letzten Herbst begonnen hatte,
den Traum der Barenboim-Said-Stiftung von einem palästinensischen
Jugendorchester umzusetzen; doch sie wollte erst abwarten, fügte sie
entschuldigend hinzu, denn sie habe in die Region so viele Menschen mit
hohen Zielen kommen sehen, die an äußeren und inneren Hürden ernüchtert
wurden, angesteckt vom Gefühl der Auswegslosigkeit, die auf beiden
Seiten der Checkpoints herrscht. Aber das, was sie eben auf der Bühne
und im Publikum erlebt habe, käme einem Ausbruch aus Hoffnungslosigkeit
und kollektiver Niedergeschlagenheit gleich; es sei nicht nur für die
PalästinenserInnen als Erfahrung elementar. Sie selbst habe einen
Moment wie diesen so dringend gebraucht. Als Erinnerung, dass da noch
etwas anderes sein kann außer dem Gefühl von fortwährender Demütigung
und der permanenten Angst vor noch Schlimmerem.
Diese Stimmung wachse mit dem Fortschritt der inzwischen drei
Stockwerke hohen Mauer, die sich um die palästinensischen Gebiete
zieht. Ob ich mir vorstellen könnte, was es bedeute, wenn die Israelis
die Mauer dreimal am Tag für eine Viertelstunde einen Spalt öffneten,
damit die Leute zu ihren Familien, Schulen und Feldern gehen könnten?
Und düster: Ob ich eine Vorstellung von der Auswegslosigkeit hätte,
wenn Jugendliche in Palästina als Berufswunsch "Selbstmordattentäter"
angeben?
Vermag solch ein Konzertabend das Trauma der Gewalterfahrungen zu unterbrechen? frage ich. Ja, so könne man das wohl sagen. Er vermag für einen kostbaren Moment etwas Verlorenes oder nie Gekanntes geben: Würde.
Mit Kultur verändern
Die Weltpresse nimmt diesen einen grandiosen Abend in Ramallah enthusiastisch wahr, nicht aber den Prozess, den Aufbau des Jugendorchesters dort – buchstäblich aus dem Nichts. Darin verbinden sich wie in Brechts Gedicht vom Bau des siebentorigen Theben Barenboims Ideen mit der Arbeit eines hochmotivierten Teams, das seine Fähigkeit zu hoffen durch konkretes Tun nährt. Es ist der Prozess, der dieses Kulturereignis politisch relevant macht. So wie das Erstaunen eines kleinen Cellisten, der sagt, Barenboim sei das erste "Ding" aus Israel, das kein Soldat ist.
Für diese Erfahrung der heilenden Kraft der Musik in einer von Gewalt beherrschten Region stellen diese europäischen Musikerinnen und Musiker ihre Karriere zurück. Im Unterschied zu herkömmlicher Sozialarbeit bzw. Entwicklungshilfe entspringt die Motivation der MusikerInnen dem Freiheitsgedanken der Künste. Sie sind dort nicht als Pädagoginnen und Pädagogen, sondern als leidenschaftliche Profis, die genau mit ihrer Leidenschaft anstecken.
Diese Kraft müsste Schule viel stärker bestimmen, als sie es heute tut – nicht nur in Ramallah. Deshalb gehören die Besten, die Glühendsten, die Professionellsten an solche Orte. Initiativen wie die der Barenboim-Said-Stiftung zeigen ein noch weithin unausgeschöpftes Potential in den Gesellschaften: Es beruht auf dem Vermögen, den Fähigkeiten und Leidenschaften der Einzelnen und geht dadurch weit über das Politische wie Soziale hinaus. Die Politik wäre gut beraten, dem für den viel beschworenen Dialog der Kulturen mehr Raum zu geben. Denn "man kann mit Kultur Politik machen, aber nicht mit Politik Kultur", erinnert uns Avi Primor, der ehemalige Botschafter von Israel in Deutschland.
Genau dem folgt Barenboim und beschließt nun nicht nur in Palästina, sondern auch in Berlin an der Staatsoper modellhaft einen musikalischen Kindergarten. So soll ein Zeichen gegen die schleichende Abschaffung des Musikunterrichts an staatlichen Schulen in der Bundesrepublik gesetzt werden: "Wenn wir die musikalische Erziehung sterben lassen, werden wir in 50 Jahren leider zu dem Punkt kommen, wo wir sagen, die klassische Musik, wie wir sie kennen, war ein Phänomen in der Geschichte, das 300-400 Jahre gedauert hat, doch jetzt leider ausgelöscht ist." (Daniel Barenboim). Nun ergreift er sie selbst die Initiative und erweitert dadurch Avi Primor: Kultur kann Politik verändern.
"Nicht von Gott, nicht von Königen, nicht von Präsidenten, nur von den Menschen geht die Möglichkeit zu Frieden aus", sagt Daniel Barenboim in seiner Dankesrede auf den im Juni 2004 an ihn verliehenen "Haviva Reik-Friedenspreis" und fügt an, dass die Musik in der Verantwortung für die Welt immer beides sei, Fluchtmittel und die Möglichkeit über die Natur und die Menschen zu lernen. Wenn alle, die Daniel Barenboim mit Preisen ehren, auch sein Denken und Handeln in das ihre hineinnehmen, dann würde in der Tat die Welt etwas bewusster.